Als am 2. Mai 2026 der Aufstieg feststand, blieb die Freude nicht auf Diyarbakır beschränkt. In zahlreichen Städten der Türkei und darüber hinaus feierten Menschen den Sprung von Amedspor in die Süper Lig, aus der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak übermittelte Präsident Nechirvan Barzani Glückwünsche. Für einen Klub, der mehr als fünf Jahrzehnte lang nie höher als zweitklassig gespielt hatte, war es ein historischer Moment. Und für viele seiner Anhänger war es weit mehr als ein sportlicher Erfolg.
Amedspor, offiziell Amed Sportif Faaliyetler Kulübü, steht in seiner ersten Erstliga-Saison im Blickpunkt des ganzen Landes. Das Team von Trainer Besnik Hasi startete mit einem 3:0 gegen Erzurumspor, ehe ein 0:2 in Kocaeli folgte, eine Partie, die laut Medienberichten einmal mehr zeigte, unter welchen Vorzeichen dieser Verein Fußball spielt. Die reine Ergebnisliste erzählt eben nur einen Bruchteil der Geschichte.
Ein Aufstieg mit langer Vorgeschichte
Sportlich ist der Aufstieg das Ergebnis eines bemerkenswert steilen Wegs. Noch vor wenigen Jahren spielte Amedspor drittklassig. 2024 gewann der Klub die Meisterschaft der dritten Liga und erreichte damit erstmals die TFF 1. Lig, die zweithöchste Spielklasse. Nach einem soliden neunten Platz im ersten Jahr folgte in der Saison 2025/26 der Durchmarsch: Als Tabellenzweiter sicherte sich Amedspor am letzten Spieltag den Sprung ins Oberhaus, erstmals in der Vereinsgeschichte.
Getragen wurde dieser Weg von einer Offensive, die auch in der Süper Lig für Aufsehen sorgen soll. Torjäger Mbaye Diagne krönte sich in der Aufstiegssaison mit 29 Treffern zum Torschützenkönig der zweiten Liga, dazu kommen Angreifer wie Gift Orban und der Spielmacher Dia Saba. Wer die Bilder der Aufstiegsfeiern gesehen hat, von Diyarbakır bis in die kurdisch geprägten Viertel Istanbuls, erkennt schnell: Hier wurde nicht nur ein Fußballaufstieg begangen, sondern ein Moment kollektiven Stolzes.
Vom Belediyespor zum Namen Amed
Um zu verstehen, warum dieser Klub derart viele Emotionen weckt, lohnt der Blick in seine Geschichte. Gegründet wurde der Verein in den 1970er-Jahren unter dem Namen Diyarbakır Melikahmetspor, ehe ihn 1990 die Stadtverwaltung übernahm und in Diyarbakır Belediyespor umbenannte. Über Jahrzehnte war der Klub die unauffällige Nummer zwei der Stadt, im Schatten des historischen Aushängeschilds Diyarbakırspor, das einst selbst im Oberhaus spielte und später durch die Ligen stürzte.
Der entscheidende Einschnitt kam im vergangenen Jahrzehnt, und er fiel in die Phase der damaligen Friedensgespräche zwischen dem türkischen Staat und der kurdischen Bewegung. 2013 übernahm der Klub mit dem Wechsel von Rot-Gelb zu Rot-Grün die Farben des alten Diyarbakırspor. 2014 stimmten die Mitglieder für eine Umbenennung in Amedspor, Amed ist der kurdische Name der Stadt Diyarbakır. Weil dieser Name bereits vergeben war, firmiert der Verein seither offiziell als Amed Sportif Faaliyetler Kulübü. Mit diesem Schritt bekannte sich der Klub sichtbar zur Identität seiner Stadt und Region, und genau dieser Name wurde zum Symbol, an dem sich seither vieles entzündet.
Seit der Umbenennung ist Amedspor für einen großen Teil der kurdischen Bevölkerung der Türkei zu einem Bezugspunkt geworden, von den Metropolen im Westen bis in den äußersten Südosten. Wie das Portal Qantara einmal beschrieb, jubelten nach großen Siegen Menschen von Batman bis Hakkari, als wäre es der Erfolg ihres eigenen Lokalvereins. Der Fußball dient hier als Bühne für ein Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit, das im Alltag oft wenig Raum findet.
Die Pokalnächte von 2016
Wie eng Sport und Politik bei diesem Verein verwoben sind, zeigte sich erstmals landesweit im Winter 2015/16. Amedspor, damals Drittligist, stürmte durch den türkischen Pokal und warf im Achtelfinale den Erstligisten Bursaspor aus dem Wettbewerb, auswärts, mit 2:1, während die eigenen Fans nach Vereinsangaben aus Sicherheitsgründen nicht ins Stadion gelassen wurden. Im Viertelfinale trotzte der Außenseiter dem damaligen Tabellenführer Fenerbahçe ein 3:3 ab.
Diese Erfolge fielen in eine Zeit, in der der Konflikt in der Region eskalierte und Teile der Diyarbakırer Altstadt unter Ausgangssperren standen. Beim Einlaufen trug die Mannschaft ein Banner mit der Aufschrift „Kinder sollen nicht sterben, sondern zum Spiel kommen“, woraufhin der Verband Ermittlungen wegen ideologischer Propaganda einleitete, wie Euronews damals berichtete. Der Pokallauf machte Amedspor schlagartig im ganzen Land bekannt, als sportliches Märchen für die einen, als Provokation für die anderen.
Der Fall Deniz Naki
Untrennbar mit dieser Ära verbunden ist ein Name, der auch in Deutschland Schlagzeilen machte: Deniz Naki. Der in Düren geborene Sohn kurdisch-alevitischer Eltern, ausgebildet unter anderem bei Bayer Leverkusen, hatte für den FC St. Pauli und den SC Paderborn gespielt und deutsche Junioren-Nationalteams durchlaufen, ehe er 2015 nach Diyarbakır wechselte und zum Star und Kapitän von Amedspor aufstieg.
Zum Politikum wurde Naki, als er den Pokalsieg über Bursaspor in den sozialen Medien den Menschen widmete, die bei den Kämpfen in der Region getötet oder verletzt worden waren. Der türkische Verband wertete dies als ideologische Propaganda und sperrte ihn für zwölf Pflichtspiele. 2017 verurteilte ihn ein türkisches Gericht wegen des Vorwurfs der Terrorpropaganda zu einer Bewährungsstrafe von rund anderthalb Jahren, ein Urteil, das international Kritik auslöste.
Im Januar 2018 wurde Naki dann selbst zum Ziel: Auf der Autobahn A4 bei Düren wurde nachts auf sein fahrendes Auto geschossen, zwei Kugeln trafen den Wagen, der Spieler blieb unverletzt. Die Staatsanwaltschaft Aachen ermittelte wegen versuchten Tötungsdelikts, stellte die Ermittlungen rund ein Jahr später aber ergebnislos ein. Naki selbst vermutete politische Motive hinter dem Anschlag, belegt wurde das nie. Wenige Wochen später sperrte ihn der türkische Verband lebenslang, womit seine Karriere in der Türkei endete. Für viele Amedspor-Anhänger ist Naki bis heute eine Identifikationsfigur, für seine Kritiker war er ein Spieler, der den Sport politisierte. Beide Lesarten existieren nebeneinander.
Zwischen den Fronten
Der Alltag des Vereins ist seit Jahren von Spannungen geprägt, und eine ehrliche Betrachtung muss beide Richtungen benennen. Auf der einen Seite stehen die Erfahrungen des Klubs und seiner Fans: Amedspor-Anhänger werden bei Auswärtsspielen regelmäßig ausgeschlossen, offiziell aus Sicherheitsgründen. Fangruppen berichten von Anfeindungen und Übergriffen, deutsche Medien wie der Tagesspiegel dokumentierten Vorfälle, bei denen Gegenstände auf Spieler flogen. Beim Gastspiel in Bursa vermied der Stadionsprecher nach Berichten von Qantara sogar den Vereinsnamen und sprach nur von den „Anderen“. Und erst am vergangenen Wochenende, beim 0:2 in Kocaeli, berichtete t-online von Provokationen der Heimfans, darunter der umstrittene Wolfsgruß während der Hymne und hochgehaltene gelbe Plastiksäcke, eine Anspielung mit düsterem politischem Hintergrund. Die Redaktion titelte, die Saison drohe für Amedspor zum Spießrutenlauf zu werden.
Auf der anderen Seite war der Verein nicht nur Leidtragender. 2019 sorgte ein Vorfall für landesweite Empörung, als Amedspor-Profi Mansur Çalar in einem Ligaspiel Gegenspieler mit einem scharfen Gegenstand verletzte, die Betroffenen zeigten Schnittwunden. Der Verband sperrte Çalar lebenslang, auch die Justiz befasste sich mit dem Fall. Und die zahlreichen Verbandsstrafen gegen den Klub werden offiziell stets disziplinarisch begründet, während der Verein sie als systematische Benachteiligung empfindet. Beide Deutungen stehen seit Jahren unversöhnlich nebeneinander, und wer über Amedspor schreibt, muss sie beide nennen.
Hinzu kommen wirtschaftliche Folgen politischer Entwicklungen. Nach dem Putschversuch von 2016 ersetzte die Regierung in vielen Städten des Südostens die gewählten Kommunalverwaltungen durch eingesetzte Zwangsverwalter, auch in Diyarbakır. Für den kommunal getragenen Klub bedeutete das den Verlust eines zentralen Geldgebers und jahrelange Existenzsorgen. Überschattet wurde die jüngere Vereinsgeschichte zudem von einer Tragödie, als Kapitän Şehmuz Özer bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, ein Verlust, der den Klub und seine Anhänger tief traf.
Die sportliche Aufgabe im Oberhaus
Bei allem, was diesen Verein umgibt, wartet in der Süper Lig nun eine nüchterne sportliche Aufgabe. Amedspor trägt seine Heimspiele im Stadion von Diyarbakır aus, das rund 33.000 Zuschauern Platz bietet und schon jetzt zu den stimmungsvollsten Kulissen der Liga zählt. Die ersten Wochen deuten an, wo die Punkte herkommen sollen: Zu Hause gelang ein souveränes 3:0 gegen Erzurumspor, auswärts setzte es die erste Niederlage.
Der Kader ist für einen Aufsteiger beachtlich besetzt. Im Tor steht mit Alban Lafont ein Keeper mit langjähriger Erfahrung aus Frankreichs Ligue 1, davor sorgen Diagne, Orban und Saba für Torgefahr, an der Seitenlinie steht mit Besnik Hasi ein Trainer mit internationaler Erfahrung. Gleich am Montag wartet mit dem Heimspiel gegen Trabzonspor der erste ganz große Name im eigenen Stadion, ein Duell, das es in einem Pflichtspiel noch nie gab. Realistisches Ziel der Debütsaison bleibt dennoch der Klassenerhalt, alles darüber hinaus wäre eine Überraschung.
Was das für die Saison bedeutet
Für Wettfreunde ordnet sich Amedspor damit klar ein. Als Neuling gilt der Klub bei den Buchmachern als Abstiegskandidat, ein Klassenerhalt wird entsprechend nicht als Selbstverständlichkeit, sondern als ambitioniertes Ziel gehandelt. Wer der ausgeprägten Heimstärke, der Offensive um Torschützenkönig Diagne und der besonderen Euphorie rund um den Verein einen langen Atem zutraut, findet in einer Langzeitwette auf den Klassenerhalt einen Markt mit spürbarem Wert. Die genauen Quoten unterscheiden sich je nach Anbieter und lohnen einen Vergleich.
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Häufige Fragen zu Amedspor
Was bedeutet der Name Amedspor? Amed ist der kurdische Name der Stadt Diyarbakır. Der Verein nahm den Namen 2014 per Mitgliederentscheid an und firmiert offiziell als Amed Sportif Faaliyetler Kulübü.
Seit wann spielt Amedspor in der Süper Lig? Amedspor stieg am 2. Mai 2026 erstmals in seiner Geschichte in die höchste türkische Spielklasse auf und bestreitet 2026/27 seine Debütsaison im Oberhaus.
Warum hat der Klub eine so große Bedeutung? Amedspor wird von vielen Kurdinnen und Kurden in der Türkei als Ausdruck ihrer Identität und Kultur verstanden und genießt weit über Diyarbakır hinaus große Unterstützung.
Wer ist Deniz Naki? Der in Düren geborene frühere St.-Pauli-Profi war von 2015 bis 2018 Star und Kapitän von Amedspor. Der türkische Verband sperrte ihn nach politischen Äußerungen erst für zwölf Spiele und 2018 lebenslang, Anfang 2018 wurde auf der A4 auf sein Auto geschossen, er blieb unverletzt.
Was ist das Saisonziel von Amedspor? Für den Aufsteiger ist der Klassenerhalt das realistische Ziel. Die Mannschaft setzt dabei vor allem auf ihre Heimstärke im Stadion von Diyarbakır.
Nützliche Links
- Der Gegner am Montag: Amedspor gegen Trabzonspor Tipp & Prognose
- Alles zum Transfersommer: Transferboom in der Türkei
- Immer aktuell: Wett-Tipps
- Recherchiert für euch: Sport-News