Unsere Saison-Vorschau

Es ist zurück, dieses Gefühl. Nach der katastrophalen Saison 2020/21, dem Wiederaufstieg, dem sofortigen Wiederabstieg 2023 und drei zähen Jahren im Unterhaus ist der FC Schalke 04 wieder da, wo sich der Klub selbst immer sieht: in der Bundesliga. Als Zweitliga-Meister, souverän, mit einem Aufstieg, den die Mannschaft von Trainer Miron Muslic bereits drei Spieltage vor Schluss klarmachte. Die Veltins-Arena bebt schon vor dem ersten Anpfiff, und die Erwartungshaltung im Ruhrgebiet ist, nun ja, sehr schalkerisch: groß.

Zum Auftakt unserer Bundesliga-Vorschau-Reihe schauen wir auf einen Aufsteiger, der wie kein zweiter zwischen Euphorie und Absturzgefahr pendelt, und auf einen Wett-Take, der gegen den Strich der Buchmacher läuft.


Der Aufstiegs-Hype: Ein schlafender Riese schüttelt sich

Kein Aufsteiger dieser Saison bringt annähernd diese Wucht mit. Über 62.000 Zuschauer pro Heimspiel, eine der lautesten Kulissen Europas und eine Anhängerschaft, die selbst in der zweiten Liga jedes Auswärtsspiel zum Heimspiel machte. Schalke ist ökonomisch und emotional ein Erstliga-Schwergewicht, das nur sportlich abgestürzt war. Der Aufstieg fühlt sich in Gelsenkirchen daher weniger wie eine Überraschung an, sondern wie die Korrektur eines Betriebsunfalls.

Die Kehrseite dieser Euphorie ist der Druck. Ein Klub mit diesem Anhang und dieser Geschichte definiert Klassenerhalt schnell als Enttäuschung, obwohl er für einen Aufsteiger das eigentliche Saisonziel sein müsste. Genau diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität wird Schalkes Saison prägen.


Dzeko bleibt: Der 40-Jährige, der zu gut für die Liga darunter war

Die wichtigste Personalie ist längst entschieden, und sie ist ein Statement. Edin Dzeko, im Januar 2026 ablösefrei von der AC Florenz gekommen, bleibt Schalke auch in der Bundesliga erhalten. Der 40-Jährige unterschrieb einen neuen Einjahresvertrag bis 2027, trägt weiter die Nummer 10 und steigt zu einem der Topverdiener im Kader auf.

Der Bosnier war der Aufstiegs-Turbo: sechs Tore und drei Vorlagen in nur elf Einsätzen, alle Scorerpunkte davon in seinen ersten acht Partien. Eine Schulterverletzung bremste ihn zwischenzeitlich, doch wenn er spielte, wirkte der einstige Weltstar von Manchester City, Rom und Inter oft eine Klasse zu gut fürs Unterhaus. „Ich habe noch Hunger“, sagte Dzeko bei der Verlängerung, und Schalkes Direktor Profifußball Youri Mulder ergänzte, Edin brenne immer noch. Kurios am Rande: Ein Wiedersehen mit seinem alten Klub VfL Wolfsburg, wo Dzeko 2009 Meister und 2010 Bundesliga-Torschützenkönig wurde, fällt aus. Die Wölfe sind selbst abgestiegen.

Die entscheidende Frage lautet: Reicht die Klasse eines 40-Jährigen auch eine Etage höher? Punktuell sicher. Über eine ganze Bundesliga-Saison auf konstant hohem Tempo ist das eine der großen Wetten dieser Schalker Spielzeit.


Der Däne kommt nicht: Lindström-Deal platzt auf den letzten Metern

Und damit zur bitteren Nachricht der Woche. Eigentlich sollte Jesper Lindström längst ein Schalker sein. Der 26-jährige Däne, Europa-League-Sieger 2022 mit Eintracht Frankfurt und einer der ausdrücklichen Wunschspieler von Trainer Muslic, war bereits in Gelsenkirchen, sollte den Medizincheck absolvieren und war für das Mannschaftsfoto am Montag eingeplant. Transfer-Guru Fabrizio Romano hatte sein „Here we go“ schon gegeben.

Dann die Rolle rückwärts. Laut übereinstimmenden Berichten soll die SSC Neapel sich in letzter Sekunde nicht an die mündlichen Absprachen gehalten und statt der von Schalke gewünschten Kaufoption plötzlich eine Kaufpflicht gefordert haben. Für den Aufsteiger ein finanzielles No-Go. Lindström reiste unverrichteter Dinge zurück nach Italien, bei den Schalker Bossen herrscht Frust. Ein späterer Vollzug in diesem Sommer ist nicht ausgeschlossen, aktuell liegt der Deal aber auf Eis.

Das Problem dahinter ist größer als ein einzelner Spieler: Schalke braucht neben Dzeko dringend frische Offensivkraft, gerade eine, die das Tempo bringt, das dem Routinier fehlt. Der geplatzte Transfer reißt genau dort eine Lücke, wo der Kader für die Bundesliga am dünnsten ist.


Der neue Kader im Überblick: Umbau mit Ansage

Sportvorstand Frank Baumann und Kaderplaner Maximilian Lüftl hatten früh angekündigt, dass es mehr Abgänge als Zugänge geben werde. Der Kader war nach der Aufstiegssaison groß, viele Leihspieler kehrten zurück, und für die Bundesliga sollte gezielt statt üppig verstärkt werden. Die spannendsten Zugänge sind dabei zwei echte Bundesliga-Namen und ein Stürmer, der die Dzeko-Abhängigkeit lindern soll.

Die wichtigsten Zugänge:

Spieler Position Kam von Modus
Robin Gosens Linksverteidiger AC Florenz Leihe
Maximilian Wöber Innenverteidiger Leeds United fest
Junior Adamu Angriff SC Freiburg fest
Satoshi Tanaka Mittelfeld Fortuna Düsseldorf fest

Der Coup ist zweifellos Robin Gosens: Ein deutscher Nationalspieler mit Erfahrung bei Atalanta, Inter und Union Berlin, der einem Aufsteiger normalerweise nicht zur Verfügung steht. Dazu bringt Maximilian Wöber Bundesliga- und internationale Erfahrung in die Abwehrzentrale, Junior Adamu soll neben und hinter Dzeko für Tempo und Tore sorgen, und Satoshi Tanaka verstärkt ein Mittelfeld, das schon in Liga zwei stabil war.

Die wichtigsten Abgänge: Fest verabschiedet haben sich Henning Matriciani und Christopher Antwi-Adjei (beide ablösefrei), dazu endeten mehrere Leihen wie die von Moussa Ndiaye zu Anderlecht. Der große Umbruch hielt sich in Grenzen, das Grundgerüst der Aufstiegself bleibt zusammen. Genau das ist Schalkes Pfund: eine eingespielte Mannschaft, punktuell mit Erstliga-Qualität aufgewertet.

Die ehrliche Restbaustelle bleibt der Angriff. Mit dem geplatzten Lindström-Transfer fehlt die schnelle Flügeloption, und hinter Dzeko und Adamu ist die Kadertiefe im Sturm überschaubar. Bis zum Ende der Transferphase dürfte hier noch etwas passieren.


Die Vorbereitung: Fahrplan in Richtung Bundesliga

Die Profis stiegen Anfang Juli mit einer öffentlichen Einheit auf dem Berger Feld in die Sommervorbereitung ein, begleitet von der gewohnt großen Anhängerschaft. Trainer Miron Muslic, der die Mannschaft schon zum Aufstieg geführt hatte, bleibt samt Trainerteam an Bord, was für Kontinuität in einem ohnehin umbruchreichen Sommer sorgt.

Zum Abschluss der Vorbereitung ist ein besonderes Saison-Eröffnungsevent geplant, ehe es ernst wird: Mitte August steht die erste Runde im DFB-Pokal an, ehe am 28. August der Bundesliga-Auftakt folgt. Bis dahin gilt es für Muslic, die Neuzugänge zu integrieren und die Automatismen der Aufstiegssaison ins Oberhaus zu übersetzen.


Gegen den Strich gedacht: Warum Schalke die Buchmacher blamieren könnte

Und jetzt der Wett-Winkel, der gegen den Strich läuft. Bei den Abstiegswetten führen die Buchmacher das Aufsteiger-Trio Schalke, Elversberg und Paderborn prominent, dazu Wackelkandidaten wie Köln, Werder und den HSV. Schalke wird als klarer Abstiegskandidat gehandelt, die Erinnerung an den historischen Absturz 2021 und den direkten Wiederabstieg 2023 sitzt tief. Genau hier liegt aus unserer Sicht der Value.

Denn die Statistik erzählt eine andere Geschichte. Zweitliga-Meister halten überdurchschnittlich gut die Klasse: Von den Meistern des vergangenen Jahrzehnts stieg nur ein einziger direkt wieder ab, und das war ausgerechnet Schalke 2023. Heidenheim, St. Pauli und zuletzt der 1. FC Köln blieben als Meister allesamt oben. Die Meister-Abstiegsquote liegt damit unter 15 Prozent, während der Markt Schalke eher wie einen klassischen 40-Prozent-Aufsteiger einpreist.

Dazu kommen drei Faktoren, die eine reine Quotentabelle nicht abbildet: die Veltins-Arena als eine der stärksten Heimwaffen der Liga, ein Trainer in Muslic, der die Erwartungen schon in Liga zwei übertroffen hat, und mit Dzeko ein erprobter Vollstrecker, den kein anderer Aufsteiger in dieser Form hat. Wer glaubt, dass daraus mehr wird als ein reiner Abstiegskampf, findet im Klassenerhalt-Markt (nicht-Abstieg zu ca. 1,65) oder in einer Wette auf eine Platzierung im gesicherten Mittelfeld eine attraktive Quote.

Die ehrliche Gegenrede gehört dazu: Ein 40-jähriger Torjäger als Fixpunkt, ein dünner Kader, der geplatzte Lindström-Transfer und der ewige Schalke-Faktor, dass in Gelsenkirchen selten etwas geradlinig verläuft. Das Abstiegsrisiko ist real, sonst wäre es keine Wette. Aber die Quote überbezahlt aus unserer Sicht die Angst und unterbezahlt die Substanz.

👉 Unsere Einschätzung: Schalke steigt nicht direkt wieder ab. Klassenerhalt zu ca. 1,65 hat Value, ein kleiner Einsatz auf ein einstelliges Tabellenende zur höheren Quote als Würze.


Ausblick: Wenn der Ball wieder rollt

Die Bundesliga-Saison 2026/27 startet am 28. August, davor steht Mitte August die erste Runde im DFB-Pokal an. Für Schalke beginnt damit die 55. Erstliga-Spielzeit der Vereinsgeschichte, und selten war die Ausgangslage so klar umrissen: Euphorie im Rücken, ein Weltstar im Herbst seiner Karriere vorne drin und eine Kaderbaustelle im Angriff, die bis zum Deadline Day geschlossen werden muss.

Der Hype ist da, die Substanz ist umstritten, und genau das macht Schalke zu einem der spannendsten Beobachtungsobjekte der neuen Saison. Wir bleiben dran, in dieser Reihe geht es als Nächstes mit dem nächsten Bundesligisten weiter.


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