Es gibt Trainingseinheiten, für die kein Verein sein Stadion öffnet. Und dann gibt es diesen Dienstag in Hamburg. Wenn Mario Vušković am 15. September erstmals seit fast vier Jahren wieder mit seinen Teamkollegen auf dem Platz steht, wird der HSV die Einheit ins Volksparkstadion verlegen, weil mit großem Fan-Andrang gerechnet wird. Trainer Merlin Polzin hat angekündigt, dem Kroaten einen wertschätzenden Moment zu geben.

Es sind exakt 1.400 Tage zwischen dem 15. November 2022, dem Beginn seiner vorläufigen Sperre, und diesem Dienstag. Vier Jahre, in denen ein Innenverteidiger, der gerade dabei war, sich in Hamburg festzuspielen, kein einziges Pflichtspiel bestreiten durfte.


Der Tag, auf den Hamburg gewartet hat

Zwei Monate vor dem offiziellen Ablauf seiner Sperre darf Vušković regulär in den Kreis der Mannschaft zurückkehren, mit dem Team trainieren und im Kraftraum arbeiten. Pflichtspiele sind erst ab dem 15. November wieder erlaubt.

Polzin, der in dieser Woche ein ausführliches Gespräch mit dem Verteidiger führte, beschreibt einen Spieler, den man eher bremsen als antreiben muss. Es sei jetzt eine Woche, jetzt werde mit allem wirklich rückwärts gezählt, er werde schon brennen, wird der Trainer von der Bild zitiert. Vušković könne es kaum noch erwarten, die vergangenen Wochen und Tage seien noch härter gewesen, weil man spüre, dass die Ungeduld mit jedem Tag wachse.

Körperlich bescheinigt ihm der Coach einen sehr fitten, dynamischen Eindruck. Das kommt nicht von ungefähr, denn Vušković arbeitete zuletzt mit einem eigenen Trainer, um nach dem Ende der Sperre so schnell wie möglich einsatzfähig zu sein. Zugleich wird Polzin die Mannschaft vor der Rückkehr noch einmal sensibilisieren und über den besonderen Fall aufklären. Nötig ist das auch deshalb, weil der Kader ein völlig anderer ist als 2022: Mit Daniel Heuer Fernandes, Miro Muheim und Bakery Jatta haben nur noch drei aktuelle Profis jemals mit ihm zusammengespielt.


Der Fall

Am 16. September 2022 nahm die Nationale Anti Doping Agentur bei Vušković eine Probe. In dieser wurde exogenes Erythropoetin nachgewiesen, besser bekannt als EPO. Die Analyse der B-Probe bestätigte den Befund Mitte Dezember, seit dem 15. November 2022 war der Spieler vorläufig gesperrt. Zuvor hatte er in der Hinrunde der Zweitliga-Saison in 16 Spielen zwei Tore erzielt und galt als einer der auffälligsten Verteidiger der Liga.

Was folgte, zog sich über Jahre und durch sämtliche Instanzen. Das DFB-Sportgericht verhängte im März 2023 eine Sperre von zwei Jahren und begründete das ausdrücklich damit, dass es keine Hinweise auf systematisches Doping gebe und eine längere Strafe eine Karriere beschädigen würde, die sich noch in der Entwicklung befinde. Die NADA und weitere Beteiligte gingen dagegen vor und forderten das bei Dopingvergehen übliche Strafmaß von vier Jahren.

Im August 2024 folgte der Internationale Sportgerichtshof CAS dieser Argumentation und erhöhte die Sperre auf vier Jahre, weil keine mildernden Umstände geltend gemacht werden könnten. Vušković zog vor das Schweizer Bundesgericht, das die Beschwerde im Februar 2025 abwies. Damit stand endgültig fest: Die Sperre läuft bis zum 14. November 2026.

Mario Vušković hat seine Unschuld über all die Jahre beteuert und den Befund nie akzeptiert. Bewiesen hat er sie vor keinem Gericht. Was bleibt, ist ein Fall, der in Hamburg bis heute kontrovers diskutiert wird, und ein Spieler, der vier Jahre seiner besten Fußballerjahre verloren hat.


Ein Klub, der blieb

Bemerkenswert ist weniger das Urteil als die Reaktion des Vereins. Der Hamburger SV stand während des gesamten Verfahrens hinter seinem Spieler und unterstützte ihn auch finanziell im Kampf gegen die Sperre.

Im September 2024 ging der Klub dann einen ungewöhnlichen Schritt. Der bis 2025 laufende Vertrag wurde einvernehmlich aufgelöst, und gleichzeitig unterschrieb Vušković einen neuen, leistungsbezogenen Lizenzspielervertrag, gültig ab dem 15. September 2026. Also exakt ab jenem Tag, an dem er wieder ins Mannschaftstraining zurückkehren darf. Ein Verein bindet sich an einen Spieler, der zu diesem Zeitpunkt noch zwei Jahre gesperrt ist und seit fast zwei Jahren kein Spiel bestritten hat.

Für Merlin Polzin ist dieses Comeback denn auch mehr als ein sportliches Ereignis. Als damaliger Co-Trainer habe er sich von Beginn an verantwortlich gefühlt, Vuškovićs Rückkehr zu ermöglichen, und die Unterstützung der gesamten HSV-Familie während der Sperre bezeichnete er als herausragend. Über den Spieler sagt er, dieser sei nicht der Typ, der sein Comeback zu sehr in den Mittelpunkt stelle. Er freue sich schlicht darauf, wieder in der Kabine und im Kraftraum zu sein und Zeit mit den Teamkollegen zu verbringen.


Der kleine Bruder und die Nummer 44

Während Mario Vušković wartete, schrieb ein anderer Vušković Fußballgeschichte, und zwar bei demselben Klub.

Luka Vušković, fünf Jahre jünger und ebenfalls in Split geboren, kam im August 2025 als Leihspieler von Tottenham Hotspur zum HSV. Er erhielt die Rückennummer 44, jene Nummer, die vor der Sperre sein Bruder getragen hatte. Es war ausdrücklich Marios Nähe zum Verein, die den Transfer möglich machte. Der damalige Sportvorstand Stefan Kuntz sagte, Luka habe durch Mario bereits eine enge Bindung zum Verein und zur Stadt entwickelt, darauf wolle man aufbauen.

Was dann folgte, übertraf alle Erwartungen. Der Teenager kam auf 28 Bundesliga-Einsätze und sechs Tore, war damit der treffsicherste Verteidiger der Liga und führte zugleich mit 69,1 Prozent die Zweikampfstatistik an. Seine Treffer hatten maßgeblichen Anteil daran, dass der Aufsteiger die Klasse hielt. Im Juli 2026 wechselte er für eine kolportierte Ablöse von rund 53 Millionen Euro zu Brighton & Hove Albion, der teuerste Transfer der dortigen Vereinsgeschichte.

Bis zuletzt gab es in Hamburg die Hoffnung, die beiden Brüder könnten gemeinsam auflaufen. Sportvorstand Costa nannte es die romantische Idee, Polzin bekannte, er glaube fußballromantisch auch an Dinge, die schwer vorzustellen seien. Luka selbst sagte, mit seinem Bruder zusammen zu spielen sei momentan sein größter Wunsch. Es kam nicht dazu. Als Marios Sperre auslief, war Luka längst in England. Die Vuškovićs wären das erste HSV-Brüderpaar seit dem Karriereende von Uwe Seeler und Charly Dörfel im Jahr 1972 gewesen.


Was der HSV jetzt braucht

Die sportliche Lage macht Vuškovićs Rückkehr über die emotionale Ebene hinaus relevant. Der HSV beendete die vergangene Saison als Dreizehnter mit 38 Punkten, nur drei Zähler über der klassischen Klassenerhalts-Schwelle von 35 Punkten. Gerettet hat den Aufsteiger damals vor allem die Qualität der späten Sommerzugänge Albert Sambi Lokonga, Fábio Vieira und eben Luka Vušković.

Genau diese Qualität fehlt nun. Luka ist weg, und der Saisonstart 2026/27 geriet zum Desaster: eine 0:2-Niederlage in Dortmund, ein 0:5 im eigenen Stadion gegen Mainz. Null Punkte, sieben Gegentore, und das ausgerechnet in der Abwehr, in der bis zum Sommer ein 19-Jähriger alles zusammenhielt. Der belgische Leihspieler Sebastiaan Bornauw kam, um genau diese Lücke zu füllen, doch die ersten Wochen zeigen, wie groß sie ist.

Und genau hier kommt Mario Vušković ins Spiel. Ab Mitte November steht dem HSV ein Innenverteidiger zur Verfügung, den er nicht verpflichten musste, der Zweitliga- und Bundesliga-Erfahrung mitbringt und der nach eigenen Angaben körperlich in bestem Zustand ist. Faktisch ist es ein Wintertransfer ohne Ablöse, nur eben mitten in der Saison und ohne Transferfenster.


Die Einordnung für Wettfreunde

Für alle, die den Blick auf die Saisonmärkte richten, ergibt sich daraus eine interessante Konstellation.

Vor der Saison lag die Quote auf einen Abstieg des Hamburger SV je nach Anbieter zwischen etwa 3,50 und 3,90, was einer impliziten Wahrscheinlichkeit von rund 27 Prozent entspricht. Mehrere Teams wurden davor geführt, darunter die drei Aufsteiger Elversberg, Paderborn und Schalke sowie die beiden Absteiger Heidenheim und Wolfsburg. Nach null Punkten und sieben Gegentoren aus den ersten beiden Spielen dürfte sich diese Quote inzwischen deutlich verkürzt haben.

Der springende Punkt ist der Zeitfaktor. Wettmärkte reagieren schnell auf Ergebnisse und langsam auf Personalien, die erst in zwei Monaten wirksam werden. Ein Innenverteidiger, der ab dem 15. November wieder spielberechtigt ist und damit rund zwei Drittel der Rückrunde zur Verfügung steht, taucht in keiner Formtabelle auf und wird deshalb in der aktuellen Bewertung kaum berücksichtigt.

Zur Ehrlichkeit gehört die Gegenrede, und sie wiegt schwer. Vier Jahre ohne Wettkampf sind keine Trainingspause, sondern ein Bruch. Wie schnell ein Spieler nach einer derart langen Zeit wieder Bundesliga-Niveau erreicht, ist schlicht nicht seriös vorherzusagen, und Polzin selbst dämpft die Erwartungen, indem er von einem Spieler spricht, den man eher bremsen müsse. Wer auf den Klassenerhalt des HSV setzt, wettet also nicht auf einen sicheren Faktor, sondern auf eine Möglichkeit, die der Markt derzeit noch niedrig gewichtet. Genau dort liegt bei Langzeitwetten allerdings traditionell der Wert.

Glücksspiel kann süchtig machen. Infos und Hilfe unter der kostenlosen Hotline 0800 1 37 27 00 oder auf check-dein-spiel.de. Nur für Personen ab 18 Jahren.


Fazit: Ein Dienstag, der zählt

Am Ende wird dieser Dienstag im Volksparkstadion vor allem ein Bild produzieren, das nichts mit Tabellen und Quoten zu tun hat: ein Spieler, der nach 1.400 Tagen wieder mit seinen Kollegen auf dem Rasen steht, und ein Klub, der ihn in dieser Zeit nicht fallen ließ.

Dass daraus möglicherweise auch sportlich etwas entsteht, ist die zweite Geschichte. Der HSV steckt früh in der Krise, hat seinen besten Verteidiger für 53 Millionen nach England ziehen lassen und bekommt im November einen zurück, der schon einmal zu den besten Abwehrspielern der 2. Bundesliga zählte. Ob das reicht, weiß niemand. Aber in einer Saison, in der jeder Punkt zählen wird, ist es mehr als nichts.


Häufige Fragen zu Mario Vušković

Wann kehrt Mario Vušković ins Training zurück? Am Dienstag, dem 15. September 2026, darf Vušković erstmals wieder mit der Mannschaft des Hamburger SV trainieren. Der Klub verlegt die Einheit wegen des erwarteten Fan-Andrangs ins Volksparkstadion.

Wann endet seine Dopingsperre? Die vierjährige Sperre läuft bis zum 14. November 2026. Ab dem 15. November ist Vušković wieder für Pflichtspiele spielberechtigt.

Warum wurde Mario Vušković gesperrt? In einer am 16. September 2022 genommenen Dopingprobe wurde exogenes EPO nachgewiesen. Das DFB-Sportgericht verhängte zunächst zwei Jahre Sperre, der CAS erhöhte 2024 auf vier Jahre, das Schweizer Bundesgericht wies die Beschwerde 2025 ab. Vušković hat seine Unschuld stets beteuert.

Steht Vušković noch beim HSV unter Vertrag? Ja. Der Klub löste 2024 den alten Vertrag auf und stattete ihn zugleich mit einem neuen, leistungsbezogenen Vertrag aus, der ab dem 15. September 2026 gilt.

In welchem Verhältnis steht er zu Luka Vušković? Luka Vušković ist sein rund fünf Jahre jüngerer Bruder. Er spielte in der Saison 2025/26 als Leihspieler für den HSV, trug dort Marios Rückennummer 44 und wechselte im Juli 2026 für kolportierte 53 Millionen Euro zu Brighton & Hove Albion. Gemeinsam auf dem Platz standen die Brüder nie.

Was bedeutet die Rückkehr für den HSV? Ab Mitte November steht dem Klub ein erfahrener Innenverteidiger ohne Ablöse zur Verfügung. Angesichts des schwachen Saisonstarts mit null Punkten und sieben Gegentoren aus zwei Spielen könnte das im Abstiegskampf relevant werden.


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