Zweieinhalb Kilo, grünes Trikot, Schnabel auf dem Ball: Wie Mexikos inoffizielles WM-Maskottchen über Nacht zum Internet-Phänomen und Nationalheiligen wurde
Es gibt WM-Geschichten, die spielen sich auf dem Platz ab. Es gibt WM-Geschichten, die spielen sich neben dem Platz ab. Und dann gibt es Merlín. Einen zweieinhalb Kilo schweren Peking-Enterich aus Mexiko-Stadt, der gerade dabei ist, die Herzen einer ganzen Nation und der halben Fußballwelt zu erobern.
Eine Ente im Nationaltrikot
Beim mexikanischen Eröffnungssieg gegen Südafrika tauchte Merlín erstmals in voller Montur auf: grünes Nationaltrikot, winzige Socken, grauäugiger Blick. Innerhalb weniger Stunden hatten Videos und Fotos der Ente Millionen Aufrufe in den sozialen Medien gesammelt. Über Nacht war Merlín das, was kein offizielles FIFA-Maskottchen geschafft hatte: ein virales Phänomen, das das Turnier zum Strahlen bringt.
Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum erklärte den Vogel kurzerhand zum nationalen Symbol: „Er ist ein kleines Symbol dessen, wie wir sind.“ Die Besitzerin der Ente, Karla Yvette Gómez López, brachte es in der Süddeutschen Zeitung auf den Punkt: „Merlín ist Mexikaner durch und durch. Das Land hat ihn adoptiert, weil Mexiko sich mit ihm identifiziert. Weil Merlín ein arbeitsamer Enterich ist.“
Eine Ente mit Vorgeschichte
Merlín ist kein zufälliger Star. Schon lange vor der WM gehörte er fest zum Straßenbild im Zentrum von Mexiko-Stadt. Die Familie Gómez verkauft dort Erfrischungen aus einem kleinen Wagen, und Merlín begleitet die Besitzer täglich zur Arbeit. Die Ente war ursprünglich ein Geschenk einer Stammkundin an Sohn Cristian, nachdem die Vorgänger-Ente „Waffle“ auf tragische Weise vergiftet worden war.
Der Name Merlín kam nicht zufällig zustande. „Es war augenscheinlich, dass er ein sehr, sehr besonderer Enterich war“, sagte Gómez López. „Da habe ich entschieden: Wir nennen ihn Merlín. Weil er Magie in unser Leben gebracht hat, ein großer Zauberer war und ist.“
Fußballer-Venen und Gamer-Schnabel
Und Merlín ist offenbar nicht nur fotogen, sondern auch sportlich begabt. Seine Besitzerin schwört, dass er Tore schießen kann. Mit dem Schnabel, versteht sich. „Ich bin überzeugt davon, dass Merlín in einem früheren Leben Fußballer war. Er hat Fußballer-Venen. Er spielt auch Fußball. Und: Er schießt Tore!“ Dazu kommt eine zweite Leidenschaft: „Merlín ist nämlich auch ein Gamer.“ Den gleichen Schnabel, mit dem er Tore schießt, nutzt er auch, um auf Bildschirmen und Tablets herumzupicken.
Der Tierschutz-Frage hat Gómez López sich bereits gestellt. Merlín wurde von einem Tierarzt durchgecheckt und ist kerngesund. „Er ist unser Baby.“
Das Mexiko-Omen
Und hier wird die Geschichte für abergläubische Fußballfans erst richtig interessant. Mexiko hat seine ersten beiden WM-Spiele gewonnen, der Gruppensieg ist praktisch sicher. Seitdem Merlín als Maskottchen in Erscheinung tritt, läuft es für El Tri besser als bei den letzten zwei Weltmeisterschaften zusammen. Zufall? Die mexikanische Bevölkerung sieht das anders. Fans bezeichnen die Ente bereits als „nationalen Schatz“ und fordern, dass Merlín künftig sogar ins Stadion eingeladen wird.
Die Lehre aus der Merlín-Geschichte
Es gibt Geschichten, die der Fußball erfindet, weil er sie braucht. Mitten in einem Turnier mit politischen Spannungen, leeren Rängen, dramatischen Quotenschocks und Trainer-Skandalen sorgt eine zweieinhalb Kilo schwere Ente im Nationaltrikot für genau die menschliche Wärme, die diese Großveranstaltungen brauchen. Vielleicht ist das die größte Magie, die Merlín wirklich vollbringt.
Für die WM ist die Ente jedenfalls schon jetzt eine der erinnerungswürdigsten Figuren des gesamten Turniers. Ob sie auch Mexiko bis ins Finale zaubern kann, wird sich zeigen. Eines steht fest: An Ideen und Trikots für die nächsten Spiele wird es Merlín nicht mangeln.
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