Am Mittwochabend (21:00 Uhr MESZ, ARD und MagentaTV) treffen England und Argentinien im Mercedes-Benz Stadium von Atlanta aufeinander. Auf dem Papier ist es das zweite Halbfinale der WM 2026. In Wahrheit ist es das nächste Kapitel einer Feindschaft, die seit 60 Jahren Fußball, Politik und nationale Psyche miteinander verknotet wie kaum ein anderes Duell im Weltsport. Es ist das erste WM-Aufeinandertreffen beider Nationen seit 24 Jahren, das erste in einem Halbfinale überhaupt und das erste mit Lionel Messi auf dem Platz.
Dass die Partie eine zusätzliche, bittere Note bekommt, liegt an einer Nachricht vom Wochenende: Antonio Rattín, der Mann, mit dessen Platzverweis diese Rivalität 1966 begann, ist am Samstag gestorben. Der Fußball schreibt manchmal Drehbücher, die sich kein Autor trauen würde.
1966: Wembley, ein Platzverweis und ein Wort, das nie verziehen wurde
Die Geschichte beginnt am 23. Juli 1966, WM-Viertelfinale in Wembley. Argentiniens hünenhafter Kapitän Rattín gerät mit dem deutschen Schiedsrichter Rudolf Kreitlein aneinander und fliegt vom Platz, in einem Spiel voller Härte und ohne gemeinsame Sprache zwischen Referee und Südamerikanern. Rattín fühlte sich benachteiligt, weigerte sich minutenlang zu gehen und trampelte auf dem Weg nach draußen demonstrativ über den roten Teppich der Königsloge.
England gewann, wurde wenig später Weltmeister, und Trainer Alf Ramsey lieferte den Satz, der in Argentinien bis heute nachhallt: Er bezeichnete die argentinischen Spieler als „Animals“. Aus einem hitzigen Viertelfinale war eine Erbfeindschaft geworden.
1982: Der Falkland-Krieg verschiebt die Rivalität ins Politische
Was als sportlicher Groll begann, wurde 1982 bitterer Ernst. Argentiniens Militärjunta besetzte die Falklandinseln, Großbritannien schickte seine Flotte und eroberte den Archipel zurück. Der Schriftsteller Jorge Luis Borges spottete damals, der Krieg sei, „als würden sich zwei Glatzköpfe um einen Kamm streiten“. Hunderte Soldaten auf beiden Seiten bezahlten den Konflikt mit dem Leben.
Der Fußball bekam die Folgen unmittelbar zu spüren. Osvaldo Ardiles, argentinischer Weltmeister von 1978 und Publikumsliebling bei Tottenham, wurde einen Tag nach der Invasion bei jeder Ballberührung ausgepfiffen. Kurz darauf verließ er England, sein Cousin starb als Kampfpilot im Krieg. Die Rivalität war endgültig keine reine Fußballgeschichte mehr.
1986: Die Hand Gottes und das Jahrhundert-Tor, vier Minuten für die Ewigkeit
Vier Jahre nach dem Krieg trafen sich beide Teams im WM-Viertelfinale von Mexiko-Stadt wieder, und Diego Maradona lieferte die vielleicht berühmtesten vier Minuten der Fußballgeschichte. Erst bugsierte er den Ball in der 51. Minute mit der Faust an Peter Shilton vorbei ins Tor, die „Hand Gottes“. Kurz darauf startete er an der Mittellinie, ließ fünf Engländer und den Torwart stehen und vollendete zu dem Treffer, den die FIFA später zum Jahrhundert-Tor kürte.
Genie und Betrug im selben Spiel, vom selben Mann. Maradona selbst stellte den Sieg später offen in den Kontext des Falkland-Kriegs und sprach von Revanche für die gefallenen argentinischen Soldaten. In Argentinien galt dieser Sieg vielen als wichtiger als der WM-Titel, den das Team wenige Tage später tatsächlich holte.
1998 und 2002: Beckhams Rot und Beckhams Rache
Das nächste Kapitel schrieb die WM 1998 in Frankreich. Im Achtelfinale von Saint-Étienne sah David Beckham nach einem Tritt gegen Diego Simeone Rot, der 18-jährige Michael Owen erzielte zuvor eines der schönsten WM-Tore aller Zeiten, ein regulärer Treffer von Sol Campbell wurde aberkannt, und am Ende gewann Argentinien im Elfmeterschießen. Beckham wurde in England monatelang zur nationalen Hassfigur.
Vier Jahre später bekam er seine Bühne zur Wiedergutmachung. WM 2002, Gruppenphase, England gegen Argentinien: Beckham verwandelte den entscheidenden Elfmeter zum 1:0-Sieg. In England wurde die Mittagspartie zum kollektiven Ereignis, Millionen legten die Arbeit nieder, um das Spiel zu sehen. Es war das bislang letzte Pflichtspiel-Duell beider Nationen. Bis jetzt.
Die Ironie der Feindschaft: Geliebt in der Premier League
Das Kuriose an dieser Rivalität ist, wie herzlich sie auf Vereinsebene ausfällt. Ausgerechnet britische Einwanderer brachten den Fußball einst nach Argentinien. Und ausgerechnet argentinische Profis schrieben einige der größten Momente der Premier-League-Geschichte: Sergio Agüero erzielte 2012 in der Nachspielzeit des letzten Spieltags das Meistertor für Manchester City, das der Liga ihren berühmtesten Kommentatoren-Schrei bescherte. Zwischen Nationalteams herrscht Feindschaft, zwischen Fans und argentinischen Spielern oft Liebe.
Atlanta 2026: Bellingham gegen Messi, Tuchel gegen den Titelverteidiger
Und nun also das erste WM-Halbfinale dieser Rivalität. Die sportliche Ausgangslage könnte kaum enger sein: Der Wettmarkt sieht mit rund 35 zu 34 zu 31 Prozent für Argentinien, England und das Remis den engsten Siegmarkt des gesamten Turniers.
England kommt mit der Handschrift von Thomas Tuchel nach Atlanta, einem deutschen Trainer auf historischer Mission: kontrollierte, effiziente Siege, höchstens ein Gegentor in fünf von sechs Spielen und mit Jude Bellingham der Mann für die entscheidenden Momente. Sechs Turniertore hat der Mittelfeldspieler erzielt, fünf davon bei Rückstand oder Gleichstand, zuletzt drehte er im Viertelfinale die Partie gegen Norwegen fast im Alleingang.
Argentinien hält als Titelverteidiger dagegen, und es hält vor allem Messi dagegen. Acht Turniertore, Treffer in fünf von sechs Spielen, mit 21 WM-Toren alleiniger Allzeit-Rekordhalter: Der 39-Jährige spielt sein letztes großes Turnier, als hätte er noch eine Rechnung offen. Dazu kommt eine bemerkenswerte Serie: Argentinien hat noch nie ein WM-Halbfinale verloren.
Einer wird diese Serie am Mittwoch fortschreiben oder beenden. Der Sieger spielt am Sonntag im New-York-New-Jersey-Stadion um den Titel, gegen Frankreich oder Spanien. Der Verlierer reiht sich ein in eine 60 Jahre lange Geschichte von Wembley über das Aztekenstadion bis Saint-Étienne, in der jede Niederlage ein bisschen mehr wog als drei Punkte oder ein Ausscheiden.
Zwei Glatzköpfe, ein Kamm? Diesmal geht es immerhin um ein WM-Finale.
Weiterführende Links
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