2.200 Meter Höhe, ein drohendes Unwetter, eine mögliche Anstoß-Verlegung und Potenzmittel-Schlagzeilen: Wie Tuchel die Three Lions auf das Aztekenstadion vorbereitet
Es gibt WM-Wochen, die schreiben sich von selbst. England vor dem Achtelfinale gegen Mexiko erlebt gerade so eine. Innerhalb weniger Tage diskutierte die Insel über Viagra als Höhenmittel, über eine Anstoßzeit mitten in der britischen Nacht, über drohende Unwetter im Aztekenstadion und über die Frage, ob die Pubs überhaupt öffnen dürfen, wenn Kane und Co. um den Viertelfinal-Einzug spielen. Mittendrin: ein deutscher Trainer, der versucht, aus dem Chaos einen Matchplan zu bauen.
Die Viagra-Schlagzeile: Boulevard trifft Höhenphysiologie
Angefangen hat alles mit einem Bericht der britischen Boulevardzeitung The Sun. Die Kernthese: Viagra steht nicht auf der Dopingliste, und Studien zeigen, dass das Mittel durch die Senkung des Blutdrucks in der Lunge gegen Ermüdung und Schwindel in großen Höhen helfen kann. Die logische Boulevard-Schlussfolgerung: England könnte sich für die 2.200 Meter von Mexiko-Stadt chemisch wappnen.
Tuchel räumte auf der Pressekonferenz im Aztekenstadion trocken mit den Gerüchten auf: „Das ist nicht wahr.“ Routinier Jordan Henderson nahm die Sache mit Humor und scherzte, das Mittel habe geholfen, ehe er lachend klarstellte, dass es ein Witz war. Die Geschichte war damit sportlich beendet, medial aber längst um die Welt gegangen.
Die Höhe: Tuchels ehrliches Dilemma
Hinter der Schlagzeile steckt ein reales Problem. Das Aztekenstadion liegt auf über 2.200 Metern, und Mexiko hat drei seiner vier Turnierspiele genau dort bestritten. Der Co-Gastgeber ist die dünne Luft gewohnt, England nicht. Tuchel nannte die Höhenlage einen erheblichen Nachteil und erklärte das Dilemma offen: Die sportwissenschaftliche Empfehlung lautet, entweder zehn Tage vorher anzureisen oder auf den letzten Drücker. Ersteres ist im Turnierkalender unmöglich, Letzteres nicht erlaubt.
Tuchels Kompromiss: frühere Anreise, zwei Nächte in Mexiko-Stadt, angepasste Abläufe. Er selbst berichtete von leichten Kopfschmerzen und schlechterem Schlaf nach der Ankunft. Seine Spieler spürten die Höhe vor allem in den ersten Trainingsminuten. Die sportliche Konsequenz formulierte der Trainer bemerkenswert präzise: Mexiko beginne seine Heimspiele nicht zufällig aggressiv und mit hohem Tempo. Die ersten 15 bis 20 Minuten würden die schwierigsten, wer diese Phase überstehe, sei in guter Ausgangsposition.
Die Anstoßzeit: Unwetter könnte alles verschieben
Als wäre das nicht genug, droht am Spieltag ein schweres Unwetter über Mexiko-Stadt. Geplant ist der Anstoß für Sonntag, 18 Uhr Ortszeit, also 2 Uhr nachts deutscher Zeit in der Nacht auf Montag. Mexikanische Medien berichten jedoch, dass die FIFA eine Vorverlegung auf 12 Uhr Ortszeit prüft, was 20 Uhr deutscher Zeit entspräche. Offiziell bestätigt ist nichts, aber der Präzedenzfall existiert: Schon Mexikos Sechzehntelfinale gegen Ecuador begann wegen eines Gewitters mit einer Stunde Verspätung.
Die Sperrstunden-Frage: England schaut nachts, oder gar nicht
Und hier kommt der Teil, der auf der Insel fast so heiß diskutiert wird wie die Aufstellung. Bei einem Anstoß um 18 Uhr Ortszeit läuft das Spiel in England um 1 Uhr nachts. Zu diesem Zeitpunkt sind die allermeisten Pubs längst geschlossen, die klassische Sperrstunde macht das gemeinsame Public Viewing unmöglich. Ein WM-Achtelfinale der Three Lions, das die Nation nicht im Pub verfolgen kann, ist für englische Verhältnisse fast ein Kulturbruch.
Eine Vorverlegung auf 12 Uhr Ortszeit hätte deshalb einen doppelten Effekt: Das Spiel liefe um 19 Uhr englischer Zeit, mitten in der besten Pub-Zeit. Genau deshalb wird die mögliche Verlegung in England nicht nur als Wetter-Thema, sondern als Volksfest-Frage behandelt. Für die Stimmung im Land wäre die frühe Anstoßzeit ein Geschenk, für Tuchels Vorbereitung dagegen eine weitere Umstellung: Aufwärmen und Anpfiff in der Mittagshitze von Mexiko-Stadt, auf 2.200 Metern, gegen einen eingespielten Höhen-Gastgeber.
Die sportliche Lage: Mexiko ist mehr als nur Höhenluft
Bei all den Nebengeräuschen geht fast unter, wie stark der Gegner tatsächlich ist. Mexiko hat alle vier Turnierspiele gewonnen und dabei kein einziges Gegentor kassiert. Im Sechzehntelfinale schaltete El Tri mit Ecuador ausgerechnet den Deutschland-Bezwinger der Gruppenphase aus. Die Euphorie im Land ist riesig, das Aztekenstadion wird zum Hexenkessel.
England dagegen quälte sich im Sechzehntelfinale gegen die DR Kongo, deren Torwart Mpasi die Three Lions mit einer Paradenserie zur Verzweiflung trieb. Trainer Aguirre gab sich vor dem Duell betont gelassen und wollte dem Höhenvorteil keine große Bedeutung beimessen: Es spielten elf gegen elf.
Der Wett-Blick: Was die Umstände für die Quoten bedeuten
Für Wetter ergibt sich aus dieser Gemengelage ein ungewöhnliches Bild. England ist bei den Buchmachern mit einer Quote von rund 2,10 nur knapper Favorit, Mexiko liegt bei etwa 3,40, das Remis bei 3,30. Das ist für ein Duell zwischen dem Vize-Europameister und einem Team außerhalb der Top Ten der Weltrangliste bemerkenswert eng, und die Gründe stehen oben: Höhe, Heimvorteil, vier Siege ohne Gegentor.
Der interessanteste Markt ist Tuchels eigene Prognose. Wenn Mexiko die ersten 15 bis 20 Minuten aggressiv anläuft und England in der Anfangsphase leidet, ist die Wette auf ein Mexiko-Tor in der ersten halben Stunde mit Quoten um 3,20 einen Blick wert. Wer Tuchels Szenario komplett spielt, nimmt Mexiko führt zur Halbzeit, England gewinnt am Ende zu einer Quote jenseits der 15,00 als Mini-Stake mit. Konservativer ist Unter 2,5 Tore bei rund 1,80: Mexiko hat noch kein Gegentor kassiert, England tat sich zuletzt gegen kompakte Gegner schwer, und die Höhe drückt erfahrungsgemäß das Tempo in der zweiten Halbzeit.
Sicher ist nur eines: Ob mit oder ohne Sperrstunde, ob um 12 oder um 18 Uhr Ortszeit, dieses Achtelfinale hat schon vor dem Anpfiff mehr Geschichten geliefert als manches ganze Turnier.
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