FIFA spricht von 98,5 Prozent Auslastung, die TV-Bilder erzählen eine andere Geschichte
Die WM 2026 ist gerade mal wenige Tage alt und hat bereits die erste handfeste Kontroverse geliefert. Nicht auf dem Platz, sondern auf den Tribünen.
Was ist passiert?
Von den ersten vier Spielen des Turniers waren laut FIFA-Angaben nur zwei wirklich ausverkauft. Beim zweiten WM-Spiel zwischen Südkorea und Tschechien in Guadalajara klafften auf den TV-Bildern gut sichtbare Lücken auf den Rängen, besonders auf Höhe der Mittellinie. Die FIFA nannte trotzdem eine offizielle Zuschauerzahl von 44.985 bei einer Kapazität von 45.664 Plätzen, was einer Auslastung von 98,5 Prozent entsprechen würde.
Das Problem: Die Bilder zeigten etwas anderes. Auch beim WM-Auftakt Kanadas gegen Bosnien-Herzegowina in Toronto blieben nach der Halbzeitpause deutlich sichtbare Lücken, als das bekannte Ahornblatt-Muster auf den bedruckten Sitzen sichtbar wurde, weil die Fans auf ihren Plätzen fehlten.
Die FIFA-Erklärung und was sie wirklich bedeutet
Der Weltverband reagierte mit einer offiziellen Stellungnahme und erklärte, die Zahlen spiegelten die Anzahl der gescannten Eintrittskarten sowie der tatsächlich innerhalb des Stadiongeländes anwesenden Zuschauer wider, nicht aber eine visuelle Einschätzung der Sitzplatzauslastung zu einem beliebigen Zeitpunkt während des Spiels. Mit anderen Worten: Wer ein Ticket gescannt hat und sich im Stadioncafé einen Hotdog holt, zählt als anwesend.
Das klingt nach einer PR-Erklärung, statt nach einer echten Antwort. Und viele WM-Beobachter sehen das genauso.
Ursache Nummer 1: Ticketpreise außer Kontrolle
Die eigentliche Wurzel des Problems liegt woanders. Die FIFA hatte für die WM 2026 ein dynamisches Preismodell eingeführt, das Ticketpreise analog zur Nachfrage nach oben treibt. Beim Eröffnungsspiel der USA kostete die günstigste Karte im Vorverkauf 60 Dollar, Sitzplätze gingen ab 560 Dollar los. Für ein reguläres Vorrundenspiel ohne direkten Gastgeber-Bezug sind solche Preise schlicht nicht zu rechtfertigen. Das Ergebnis: Viele Fans kaufen zwar Tickets als Investment oder aus Spontankauf, erscheinen aber schlicht nicht zum Spiel.
Nachdem sich Fan-Proteste gehäuft hatten, reagierte die FIFA und kündigte an, bei bestimmten Kontingenten wieder Festpreise einzuführen. Zu spät für die ersten Spieltage, und nach eigenem Eingeständnis betrifft die Preis-Obergrenze nur einen kleinen Teil der Tickets.
Was bedeutet das für Wetter und den Heimvorteil?
Hier wird es für die Wett-Community wirklich interessant. Der sogenannte Heimvorteil der drei Gastgeberländer USA, Kanada und Mexiko war ein wesentlicher Faktor in den Quoten. Günstige Gruppenauslosungen, emotionale Heimkulisse, fanatische Fans hinter der Mannschaft. Wenn aber Tausende Plätze leer bleiben und die Atmosphäre ausbleibt, relativiert sich dieser Vorteil erheblich.
Kanadas 1:1 gegen Bosnien-Herzegowina in einem halb leeren Stadion passt in dieses Bild. Die Quote auf den kanadischen Gruppensieg dürfte nach dem Auftaktremis und dem Kulissenproblem weiter fallen. Mexiko profitierte beim Eröffnungsspiel noch von echter Begeisterung im Aztekenstadion, doch die kommenden Spiele ohne mexikanische Beteiligung werden zeigen, wie ernst das Atmosphären-Problem wirklich ist.
Die USA hatten mit dem ausverkauften SoFi Stadium in Los Angeles das bisher stärkste Bild geliefert. Doch auch hier gilt: Bei Spielen ohne direkten USA-Bezug wird die Stadionkulisse voraussichtlich deutlich dünner ausfallen.
Fazit für Langzeitwetten
Wer den Gastgeber-Bonus als wesentlichen Wett-Faktor in seine Strategie einbezogen hat, sollte diesen jetzt neu bewerten. Echter Heimvorteil durch fanatische Unterstützung existiert nur dann, wenn die Ränge auch voll sind. Das ist aktuell nicht immer garantiert, und die FIFA-Erklärungen machen die Sache nicht besser.